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Aktive ETFs: Ebbe und Flut warten auf niemanden

Meine These für das noch neue Jahr: „Active ETFs“ werden dem klassischen aktiven Asset Management schneller das Wasser abgraben, als viele in der deutschen Fondsbranche wahr haben wollen. Dafür gibt es deutliche Anzeichen: überproportionales Wachstum von aktiven ETFs, vor allem in den USA; verändertes Kaufverhalten, besonders bei jüngeren Kunden, und natürlich das Kostenargument. Nur die Kommunikation dieser Anlageform hinkt ihren Nettomittelzuflüssen noch hinterher – womöglich, weil sich manche Investmentgesellschaft mit der Überfahrt vom traditionell aktiven zum überwiegend passiven Geschäft schwer tut.

Schroders hat sie, Jupiter, Fidelity sowieso und nun auch M&G – die Rettung in einer Welt schrumpfender Erträge scheint für immer mehr Investmentgesellschaften der „active ETF“ zu sein: kein reiner börsengehandelter Investmentfonds („Exchange Traded Fund“, ETF), sondern ein aktiv gemanagter Index, in dem bestimmte Werte bevorzugt, andere zurückgestuft werden.

Wie aktiv Portfoliomanager dabei sein wollen, ist ihnen überlassen. Weltmarkt ohne die „Magnificent Seven“? Keine gute Idee, aber kein Problem. Alle börsengelisteten Rüstungswerte, aber nicht die aus den USA? Bitte sehr! Tatsächlich ist der Gestaltungswille bei den meisten Gesellschaften aber bislang beschränkt, sagt Morningstar-Analystin Natalia Wolfstetter: „Im Großen und Ganzen stellen sich die Strategien hinter aktiven ETFs eher indexnah auf.“

Volumen in aktiven ETFs wächst schneller als in klassischen ETFs

Geld ist auf jeden Fall genug da: Global erreichte das in aktiv gemanagten ETFs verwaltete Vermögen Ende November 2025 mit USD 1,86 Billionen einen neuen Höchststand, teilt das Analysehaus ETFGI mit. Das ist etwas weniger als ein Zehntel der weltweit in ETFs und Exchange Traded Products (ETPs) verwalteten Assets von rund USD 19,4 Billionen (November 2025).

Der Großteil der globalen Zuflüsse bei aktiven ETFs entfällt mit rund 40 Prozent noch auf die USA. Doch auch in Europa steigen die Zahl neu aufgelegter aktiver ETFs und ihre Nettomittel: Bis Ende Oktober hatte das Vermögen in dieser Anlageform die 100-Milliarden-Euro-Schwelle überschritten, errechnete ein anderer Anbieter von Fondsdaten, LSEG Lipper. Das sind zwar nur knapp vier Prozent des gesamten Volumens in europäischen ETFs. Doch die Nettomittelzuflüsse aktiver ETFs wachsen damit viermal schneller als die von klassischen ETFs, welche schon 2024 die aktiven Fonds in Bezug auf neues Geld überholt hatten.

Eierlegende Wollmilchsau oder Reaktion auf erodierendes Geschäft?

Während viele Anbieter aktive ETFs als „das Beste aus zwei Welten“ preisen (angeblich aktives Management zu günstigen ETF-Preisen), zweifeln Kritiker.

Die Analysten von Morningstar halten sie für eine furchtgetriebene Reaktion auf das erodierende aktive Geschäft. Für andere Experten, wie Michael O’Riordan von Blackwater ETF, sind aktive ETFs vor allem eine „gute Gelegenheit, um neue Produkte auf den Markt zu werfen.“ Die anhaltende Nachfrage nach ETFs gibt ihnen recht, wie Christian Machts, neuer Länderchef für Deutschland und Österreich von Franklin Templeton, sagt: „Egal, welche Art von Vertrieb Sie machen: Sie kommen am Thema ETF nicht vorbei!“

Doch wenn künftig immer mehr Daten für die Einzeltitelauswahl automatisiert von der KI zusammengetragen und analysiert werden und der Portfoliomanager am Schluss nur noch den „Execute“-Knopf drückt, stellen sich drängende Fragen.

Wie glaubwürdig ist der aktive Manager von gestern in der automatisierten Welt von heute?

Zum einen die nach der Jobexistenz des Portfoliomanagers. Zum anderen: Wie kann sich in dieser vollautomatisierten Welt ein aktiver Manager von der Konkurrenz abheben (außer durch anhaltende Outperformance, easy peasy)? Aber auch: Wie glaubwürdig ist der aktive Manager von gestern mit seinen Tausenden von Researchern, Analysten und Portfoliomanagern rund um den Globus, wenn er auf den ETF-Zug aufspringt?

Vor allem aber: Spielt die Unterscheidung in „aktiv“ und „passiv“ überhaupt noch eine Rolle bei einer neuen Generation von Investoren, die mit dem Kauf aktiv gemanagter Fonds über eine Bank oder einen Makler und Ausgabeaufschlägen von fünf Prozent nix mehr anzufangen weiß?

Schlüsselbegriffe „Kompetenz“ und „Glaubwürdigkeit“

Diese neue Anlegergeneration hat Fonds und vor allem ETFs für sich entdeckt, wie die aktuelle Erhebung des Deutschen Aktieninstituts (DAI) zeigt: Nur ein Viertel der über 40-Jährigen legt demnach Geld in ETFs an, bei den Jüngeren ist es hingegen schon knapp die Hälfte. In punkto Investments haben sie auch andere Prioritäten und Anforderungen. „Authority“ und „Authenticity“ – nachgewiesene Kompetenz und Glaubwürdigkeit – sind für sie Schlüsselbegriffe.

Dass es sich dabei nicht um leere Marketinghülsen handelt, belegen harte Zahlen. So erzielen, laut „The Global 100“-Untersuchung von Peregrine Communications zur Markenbekanntheit der weltweit größten Asset Manager, Unternehmen mit einem geringen Wert in der Kategorie „Autorität“ nicht nur seltener hohe Zuwächse bei ihren verwalteten Vermögen (AuM) – sie erleiden auch häufiger AuM-Verluste. Firmen mit geringer Autorität verlieren mit höherer Wahrscheinlichkeit Assets.

„Glaubwürdigkeit“ ist eine immer wichtigere Währung unter jüngeren Anlegern, wie Ernst Young in ihrem 2025 Global Wealth Research Report festhielten: „Millennials treffen eher als der Durchschnitt ihre Auswahl auf der Grundlage nicht finanzieller Faktoren, z. B. wertorientiertes Investieren, Vielfalt des Unternehmens, Beratung in Sachen Philanthropie und Inhalte in sozialen Medien.“

Für jüngere Anleger geht es also um mehr als die blanke Rendite nach Kosten. Die ist im Grunde das Eintrittsticket, um überhaupt ins Gespräch zu kommen. In diesem sollte ein Asset Manager unmissverständlich erklären: Warum bietet er zunehmend semi-aktive und passive Strategien an? Wo genau liegt der Nutzen für den Kunden? Und ist der Schwenk wirkliche Evolution oder notgedrungene Reaktion?

Eine solche Entscheidung glaubwürdig zu kommunizieren, im Marketing wie in der Pressearbeit, ist ein wichtiger Schritt für eine Fondsgesellschaft. Ihn nicht zu gehen und darauf zu hoffen, die Öffentlichkeit werde schon von selbst den Schwenk zu den „active ETFs“ verstehen, birgt das Risiko, unglaubwürdig zu werden.

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  • „Lyme Regis harbour at low tide“: Picture by Hagen Gerle