Wenn es um Private Equity geht, dann schielen deutsche institutionelle Investoren (oder „Limited Partners“, wie sie auch genannt werden) oft neidisch nach Frankreich. Der Nachbar im Westen gilt als europäisches Vorbild, sowohl wenn es um Frühphasen- („Start-up“) und Anschlussfinanzierung („Scale-up“) innovativer Firmen geht als auch bei Bewertungen von bereits über einer Milliarde Euro bei einigen nicht-börsennotierten Unternehmen („Einhörner“). In einem gemeinsamen Beitrag skizzieren Amélie Vérone, Gründerin der Pariser PR-Finanzagentur A&P Conseil Communication, und Hagen Gerle die aktuelle Lage von Private Equity als Anlageform für Privatinvestoren in beiden Ländern.
Der französische Beitrag von Amélie ist auch auf Boursorama.com erschienen, einer französischen Online-Börseninformationsplattform, die sich sowohl an Privatanleger als auch an Fachleute richtet: L’intérêt du non coté auprès des particuliers ne fait que commencer ! – Boursorama
Das Interesse der Kleinanleger in Frankreich an nicht-börsennotierten Unternehmen hat gerade erst begonnen!
In nur wenigen Jahren haben nicht-börsennotierte Fonds bei Privatanlegern in Frankreich ein starkes Wachstum verzeichnet. Nach Angaben der französischen Finanzaufsichtsbehörde AMF ist das verwaltete Vermögen in nicht börsennotierten Fonds für nicht professionelle Anleger von 628 Millionen Euro Ende 2017 auf 7,8 Milliarden Euro Ende 2023 gestiegen. Eine aktuelle Studie von France Invest bestätigt, dass dieser positive Trend anhält.
Dies ist ein grundlegender Trend, der die „klassische“ Vermögensaufteilung der Privatanleger neu definiert. Vor zehn Jahren war das Investieren in nicht-börsennotierte Unternehmen für die breite Öffentlichkeit die Ausnahme. Heute ist es eine relativ übliche Art der Anlagediversifizierung.
Auf dem französischen Markt gab es zwei wichtige Entwicklungen, die den Zugang zu nicht-börsennotierten Anlagen für ein breites Spektrum von Anlegern erheblich erleichtert haben.
- Erstens: niedrigere Einstiegsgebühren, die eine hohe Hürde für die breite Öffentlichkeit beseitigt haben. So bieten einige Onlinebanken ihren Kunden inzwischen die Möglichkeit, bereits ab 25 Euro in Private Equity zu investieren. Das ist weit entfernt von den 100.000 Euro, die vor nicht allzu langer Zeit die klassische Eintrittskarte in dieses Marktsegment waren.
- Die zweite Schlüsselinnovation ist die Entwicklung von sogenannten „Evergreen“-Fonds, d. h. von Anlagevehikeln, die im Gegensatz zu herkömmlichen Fonds, die eine vordefinierte Laufzeit haben, für einen unbegrenzten Zeitraum ausgelegt sind. Der Vorteil? Die Anleger können leichter aussteigen, ohne auf eine bestimmte Laufzeit warten zu müssen. Für Kleinanleger ist diese verbesserte Liquidität von entscheidender Bedeutung.
Nach den neuesten Zahlen von France Invest für das Jahr 2024 machen allein solche Evergreen-Fonds 65 % des von französischen Kleinanlegern in nicht-börsennotierten Fonds investierten Vermögens aus. Derselben Quelle zufolge haben diese Fonds eine durchschnittliche jährliche Rendite von 5,8 %.
Die Studie von France Invest zeigt auch, dass 76 % der Investitionen von Privatpersonen in nicht-börsennotierte Fonds im Jahr 2024 über Anbieter einer Lebensversicherung getätigt wurden, und zwar in einer Reihe von Marktsegmenten und Fondstypen: Private Equity, Private Debt, Sekundärfonds, Dachfonds usw. Die Zuflüsse in diese Fonds sind ebenfalls weiter gestiegen, und zwar um 29 % im vergangenen Jahr gegenüber 2023. Dieser Erfolg wird sich in den kommenden Jahren sicher fortsetzen…
Kommt Private Equity in Deutschland nun auch bei Privatanlegern an?
Wie steht es um Private Equity (PE) bei Frankreichs Nachbarn? Entwickelt sich Deutschland unter seiner neuen Regierung (wieder) zu einer Nation der Erfinder, Forscher und Gründer? Kann sich die Private-Equity-Branche schon jetzt auf erfolgreiche Start-ups unter Drohnenherstellern, Gentherapeuten und Computerspieleprogrammierern „made in Germany“ freuen? Und werden auch Privatanleger dabei sein, wenn Regierung und die PE-Industrie das große Investitionsrad drehen?
Der Koalitionsvertrag weckt Hoffnungen für die Branche. Während der Begriff „Private Equity“ auf den 146 Seiten kein einziges Mal vorkommt, wird „Wagniskapital“ dreimal erwähnt. Konkret heißt es in der Vereinbarung zwischen CDU, CSU und SPD:
- „Mit dem Einsatz für eine Solvency II-Novelle und ihrer praxisnahen Umsetzung aktivieren wir viele Milliarden Euro, indem die Eigenkapitalanforderungen unter anderem für Infrastrukturprojekte und Wagniskapital gesenkt werden.“
- „Die Biotechnologie wird als Schlüsselindustrie gefördert, und ihre Anwendungen werden regulatorisch erleichtert, auch mit Blick auf die neuen genomischen Techniken. Gründungen in diesem Bereich werden wir über bessere Bedingungen zur Mobilisierung von Wagniskapital unterstützen.“
- „Rahmenbedingungen für Start-ups werden wir weiter verbessern. Dafür werden wir insbesondere die Verfügbarkeit von Wagniskapital durch bessere Beteiligungsmöglichkeiten institutioneller Investoren erhöhen.“
Gerade beim letzten Punkt werden institutionelle Anleger aufhorchen und nicht mehr neidisch nach Frankreich schielen müssen. Der Nachbar im Westen gilt als europäisches Vorbild, wenn es um Frühphasen- (Start-up) und Anschlussfinanzierung (Scale-up) wachstumsstarker, innovativer Firmen und die Bewertungen von Unternehmen über einer Milliarde Euro (Einhörner) geht.
ELTIFs und Evergreen-Fonds
Auch in Deutschland entdecken immer mehr Fondsgesellschaften, dass Private Equity nicht nur für institutionelle, sondern auch für Privatanleger attraktiv sein und hohe Assets generieren kann.
Union Investment zum Beispiel, die Kapitalanlagegesellschaft der deutschen Genossenschaftsbanken, sieht Wachstumspotenzial im Segment der Privatmärkte, und dort explizit bei Privatkunden. Jochen Kerler, verantwortlich für alternative Anlagen für Privatkunden bei Union, sagte kürzlich in einem Interview mit Bloomberg, dass dies durch die Auflegung eines weiteren European Long Term Investment Fund (ELTIF), diesmal mit Schwerpunkt auf Private Equity, erreicht werden könnte.
Das Problem, dass traditionelle Private-Equity-Investitionen in der Regel einen längeren Anlagezeitraum haben und nicht als liquide gelten, könnte dadurch gelöst werden, dass Investmentgesellschaften so genannte „Evergreen“-Fonds auflegen.
Solche ewigen Fonds, die in Frankreich bereits sehr beliebt sind, unterscheiden sich von traditionellen Private-Equity-Fonds dadurch, dass sie keine feste Laufzeit haben. Bei Evergreen-Fonds können die Anleger ihre Anteile in der Regel auch vierteljährlich bis zu einer Obergrenze verkaufen.
Das ist doch mal eine erstrebenswerte Perspektive: Lockerere staatliche Rahmenbedingungen mobilisieren endlich auch in der Bundesrepublik institutionelles Groß- UND privates Schwarmkapital für mehr Investitionen in deutsche Garagenfabriken und Tüftlerstuben!
