Dass die Private Markets bei Privatanlegern in Deutschland noch nicht abgehoben haben, liegt wahrscheinlich an zwei Dingen: den relativ hohen Einstiegshürden („Haste mal 100.000 Euro?“) und der mangelnden Bekanntheit der Anlageklasse unter diesen Investoren. Was schade ist, denn gerade Private Equity-Beteiligungen begegnen uns immer häufiger im Alltag. Aber da scheint sich gerade etwas zu ändern.
Bei der Recherche zu diesem Artikel habe ich erstaunt festgestellt, dass ich seit Jahren mit Start-ups und Scale-ups arbeite, die längst am Markt etabliert sind: ob das DeepL für Übersetzungen ist, unser Stromlieferant Octopus oder WISE, unsere Geschäftsbank … okay, Letztere ist bereits seit vier Jahren ein börsennotiertes Unternehmen, aber wir nutzten WISE schon davor. Mit dem Flixbus bin ich auch schon unterwegs gewesen, obwohl die grünen Busse vor einem Börsengang die Ausfahrt „Verkauf an Industrie- und PE-Investor“ genommen haben.
Privatpersonen kennen und nutzen solche Software getriebenen Plattformmodelle seit Jahren, sie kennen die Marken – aber können sie auch in diese Unternehmen investieren? Fehlanzeige! Noch sind Private Markets-Beteiligungen in Deutschland eine Angelegenheit für vorrangig institutionelle Anleger mit entsprechend dicken Portemonnaies.
Was Robo Advisor und Fintechs als Mindestanlage fordern
Das scheint sich aber gerade zu ändern …
Die Tage habe ich Post von einem der beiden Robo Advisor meines Vertrauens bekommen: „Jetzt verfügbar: Private Equity“, schrieb mir Scalable Capital. „Ab sofort können Sie Ihr Portfolio mit Private Equity (PE) als zusätzliche Anlageklasse diversifizieren und erhalten damit Zugang zu Anlagemöglichkeiten abseits der Börse.“ Mitmachen kann ich ab einem „initialen Mindestinvestment“ von 10.000 Euro im BlackRock Private Equity ELTIF.
Bei Liqid gibt’s den Eintritt in die Private Equity-Welt ab 10.000 Euro über den Liqid Private Equity NXT. Der Fonds hat bereits ein Jahr nach seinem Start über 200 Euro Millionen eingesammelt und zählt damit, laut Citywire, „zu den wachstumsstärksten Eltifs in Deutschland“. Über einen solch hohen Mittelzufluss in so kurzer Zeit würden sich viele klassische Fondsanbieter freuen!
Auch Moonfare, die sich ganz bescheiden „eine der größten digitalen Plattformen für Private Equity Investitionen“ nennen, nehmen ab 10.000 Euro Privatanleger auf. Deren Geld fließt über eine Konstruktion mit sogenannten „Feeder Funds“ in das Moonfare Private Markets Portfolio ELTIF.
Noch günstiger kommt man beim FinTech Nao in die Private Markets – die Berliner bieten über ihre Plattform bereits ab 1.000 Euro Beteiligungen, allerdings nicht in Private Equity, sondern an dem Private Credit Eltif von Muzinich & Co.
ELTIFs 2.0: Vehikel der Stunde
Egal, wer der Anbieter ist oder die dahinter stehende Fondsgesellschaft: Das bevorzugte Investmentvehikel ist immer ein „European Long-Term Investment Fund“ (ELTIF). Solche regulierten Anlageprodukte dürfen in alternative, nicht-börsennotierte Finanzinstrumente wie Private Equity, Private Debt, Infrastruktur und Immobilien investieren.
„ELTIFs sollen die Transformation der europäischen Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und den Ausbau der Infrastruktur unterstützen, was ohne die Beteiligung nichtstaatlicher Investoren nicht zu erreichen ist“, hielten die Analysten von Scope in ihrem Bericht „A new era“ vor etwas über einem Jahr fest.
Noch sind auf dem deutschen Markt erst rund zwei Dutzend ELTIFs zugelassen bzw. angekündigt.[1] Mit der Reform der ELTIFs Anfang 2024 ist diese, schon seit 2015 existierende Anlageform jedoch verbraucherfreundlicher geworden – mit niedrigeren Mindestbeiträgen und einfacheren Nachweisen in Bezug auf die Finanzerfahrung der Investoren.
Umständliche Anlageform für „verwöhnte“ Retail-Kunden
Trotzdem haben ELTIFs und Investments in Privatmärkten generell noch mit ein paar Problemen zu kämpfen, welche sie für den gemeinen, Trading App verwöhnten Retail-Kunden umständlich machen.
Da ist zum einen ihre Langfristigkeit zu nennen („empfohlene Mindesthaltedauer“), die oft fünf, sieben oder sogar zehn Jahre in einem Investment vorsehen kann. Dann ist da die eingeschränkte Liquidität – tagesaktuelle An- und Verkäufe, wie Kunden das von anderen Anlageformen gewohnt sind, gibt es hier nicht.
Auch die fehlende Standardisierung dieser, eben nicht öffentlich zugänglichen Produkte macht es schwer, ELTIFs miteinander zu vergleichen. Ein zusätzliches Hindernis: Viele private Anleger (und manche Vertriebsteams der Anbieter) wissen noch zu wenig über diese relativ neue Form der langfristigen, semi-liquiden Geldanlage.
Generische Kommunikation bildet Anleger
Kommunikation ist in diesem Umfeld also kein „nice to have“ sondern ein business case.
Für die auflegenden Investmentgesellschaften (die „General Partners“) entscheidet aktive, kontinuierliche Kommunikation mit darüber, dass ihr Fundraising-Prozess kürzer wird und ihre bisherigen Anlageerfolge von institutionellen Investoren (den „Limited Partners“) überhaupt wahrgenommen werden. Für unerfahrene Privatanleger wiederum leisten generische Public Relations und Marketing in dieser frühen Phase der ELTIFs einen wichtigen Beitrag zur „investor education“.
FinTechs und Robo Advisor tragen ihrerseits bereits dazu bei, Private Markets auch bei privaten Kunden salonfähig zu machen. Ihr erhöhter Werbeauftritt in diese Richtung legt nahe, dass sie in Private Equity-, Private Debt- und Infrastruktur-ELTIFs ein großes Geschäft wittern. Zudem fordern aktuell Vertreter großer FinTech-Unternehmen und Asset Manager aktuell, dass ELTIFs bei der Reform der staatlich geförderten Altersvorsorge berücksichtigt werden.
Womöglich wird die Abkürzung „ELTIF“ privaten Anlegern in in paar Jahren ja so leicht von der Zunge gehen wie heute schon „ETF“.
[1] Quelle: Cash, Recherche auf Basis von ESMA-Daten (Ausgabe 06/2025)
