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Matthews Asia: Was Reflation, Deflation und Inflation für die Märkte 2022 bedeuten

Mit Blick auf das neue Jahr wagt Robert Horrocks, Chief Investment Officer (CIO) des Asien-Spezialisten Matthews Asia, eine Prognose zugunsten der traditionell eher schwächeren Volkswirtschaften. Er hält es für wahrscheinlich, dass 2022 ein Jahr mit hoher Inflation sein wird: „Das hilft im Allgemeinen den mehr verletzbaren Märkten wie osteuropäischen Staaten, die bisher vom inflationären Glanz eines erstarrten Kerneuropas mit Frankreich und Deutschland dominiert wurden. Auch Länder und Regionen wie Vietnam und Südostasien, die chronisch zu wenig stimuliert wurden, sollten von Chinas Reflationierungspolitik profitieren.“ In seinem aktuellen Video-Marktausblick („Matthews Asia: CIO Outlook for 2022”) für 2022 geht Horrocks speziell auf drei Bereiche ein: Reflationierung der Volkswirtschaften, Inflation und Deflation als langfristige Trends.

Reflation (time code 00:35 min.): Grundsätzlich schnitten anfälligere Teile des Anlageuniversums besser ab, wenn das Wachstum stärker sei, so der CIO. Doch viele Volkswirtschaften, die vom Rohstoffaufschwung profitierten (etwa Brasilien und Mexiko), hätten enttäuscht, und nur Russland habe überdurchschnittlich performt. „Das ist zum Teil auf die sich erholende globale Nachfrage zurückzuführen, auf den Preisdruck im Ölsektor und bei anderen Rohstoffen.“ 2021 sei zudem ein phänomenales Jahr für kleine Unternehmen gewesen. „Das zeigt, dass es in einem reflationären Umfeld manchmal gar nicht auf die richtige makro-ökonomische Entscheidung ankommt, sondern auf den richtigen Investmentstil.“ Doch in den vergangenen Monaten hätten sich einige dieser Effekte umgekehrt, und die Renditekurve werde nicht mehr steiler, sondern flache sogar ab. Ein solches Umfeld würde gerade rohstoffbasierten Schwellenländern, Value-Aktien und Small Caps etwas den Wind aus den Segeln nehmen. „Es ist zu schwierig, solche Zyklen vorherzusagen“, gesteht Horrocks ein, „aber wir sollten 2022 nicht unbedingt ein so starkes Jahr wie 2021 erwarten.“

Inflation (time code 02:55 min.): Hier gehe es nur um reines Geldwachstum oder eine übermäßige Stimulierung der Wirtschaft, nicht um eine Erholung der Nachfrage. Das begünstige in der Regel zyklische Unternehmen und habe zuletzt die Inflation in den USA, Europa und Lateinamerika, weniger in Teilen Asiens, in die Höhe schießen lassen. „Es gibt Leute wie mich, die glauben, dass die Inflation ein vorübergehendes Ereignis ist“, outet sich Horrocks. Er verweist darauf, dass ihm die Einschätzung der Anleihemärkte Recht gebe und die vierteljährlichen Kerninflationsraten in den USA nicht so besorgniserregend seien. „Ich stelle mir das wie eine Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg vor, deren Nachfrage sich plötzlich auf alltägliche Anschaffungen konzentrierte.“ Die Inflation sei damals zwar dramatisch in die Höhe geschnellt – aber eben nur kurz. „Ich befürchte allerdings, dass die Zentralbanken 2022 angesichts der möglicherweise beängstigenden Inflationsraten aggressiver vorgehen könnten, als sie es sollten.“

Deflation (time code 05:00 min.): „Das Land, auf das wir schauen sollten, wenn wir über deflationäre Tendenzen nachdenken, ist China“, so der Experte. Bei Deflation werde zwar immer zuerst an Japan gedacht, aber sie sei auch in Europa zu beobachten. „Jetzt beginnen die Anleiherenditen in China zu fallen, und die große Frage ist: Wird China den Weg Japans gehen? Werden wir in fünf, zehn Jahren Anleiherenditen in China nahe null haben?“ Horrocks sieht allerdings deutliche Unterschiede zwischen den beiden großen Volkswirtschaften: So habe es in Japan zu Beginn der deflationären Phase eine Immobilienblase gegeben – in China gebe es die nicht. In Japan wurden Aktien zu unglaublichen Bewertungen gehandelt, bis zum 60-fachen der Gewinne – in China seien die Bewertungen vernünftig.

Es bleibe abzuwarten, wie China seine hohen Ersparnisse ausgeben werde. „Ich erwarte, dass das Tempo der chinesischen Investitionen im Ausland zunehmen wird“, sagt der CIO und erinnert an das Projekt der neuen Seidenstraße. Chinas Regierung werde voraussichtlich Steuern für die Wohlhabenden erhöhen und Geld für die Armen ausgeben, um den Konsum aufrechtzuerhalten. „Ich vermute, dass China den Staatskonsum erhöhen wird, z. B. bei Umwelt, Bildung und der Gesundheitsversorgung“, so Horrocks abschließend. „Die anhaltende Betonung des Konsums wird China weiterhin zu einem der größten Verbrauchermärkte der Welt machen, in den andere Volkswirtschaften verkaufen können.“

Matthews Asia ist einer der größten spezialisierten Anbieter für asiatische Investments in den USA mit einem verwalteten Vermögen von 27,5 Mrd. US-Dollar (Stand 30. November 2021). Seit Gründung 1991 hat sich das Unternehmen auf Anlagen in Asien spezialisiert. Matthews Asia verfolgt einen fundamental getriebenen Bottom-up-Investmentstil, der auf langfristige Performance zielt. Außerhalb der USA bietet Matthews Asia zwölf SICAV-Fonds an. Weitere Informationen sowie ausführliche Research-Berichte zu den Märkten Asiens lesen Sie auf der internationalen Website von Matthews Asia: global.matthewsasia.com.

Matthews Asia: Drei Fragen an China und seine Verantwortung im Klimawandel

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China stand während der gestern in Schottland zu Ende gegangenen Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP26) sowohl im Zentrum der Kritik als auch bei der Suche nach Lösungen. Denn die Volksrepublik ist der größte Emittent von Treibhausgasen weltweit. Kathlyn Collins, Nachhaltigkeits-Chefin des Asien-Spezialisten Matthews Asia, untersucht in einer aktuellen Frage- und Antwortrunde (Q&A), warum Chinas Aufgabe beim Klimawandel so wichtig ist und was das bevölkerungsreichste Land der Erde in Sachen Klimaschutz bereits geleistet hat.

Was hat Chinas Regierung konkret versprochen?

Chinas Versprechen, die Kohlenstoffemissionen bereits vor 2030 zu erreichen, ist eine Verbesserung seiner früheren Zusage. Das Land bekräftigte außerdem, dass es die Nutzung fossiler Brennstoffe zwischen 2025 und 2030 auf 75 Prozent und bis 2060 auf 20 Prozent begrenzen will. In dem neuen Aktionsplan, den die chinesische Führung vor der COP26 veröffentlichte, wird auch darauf hingewiesen, dass China keine neuen Kohlekraftwerke im Ausland finanzieren werde. Und in einer gemeinsamen Erklärung zum Klima auf der COP26-Konferenz sagten die USA und China zu, Methanemissionen zu reduzieren, die Wälder zu schützen und den Einsatz von Kohle herunterzufahren.  

Warum steht China in der Verantwortung?

China ist mit 27 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen der weltweit größte Emittent, gefolgt von den USA und Indien. Stromerzeugung und Industrie sind für etwa 75 Prozent der Emissionen in China verantwortlich. „Es steht außer Frage, dass Chinas wirtschaftliche Entwicklung in der Vergangenheit zu einigen ernsthaften Umweltproblemen geführt hat“, sagt Collins. „China muss seinen Energiemix reformieren und die Energieeffizienz von Industrieunternehmen drastisch verbessern. Es muss einen umweltfreundlichen Lebensstil fördern und seine Technologien zur Kohlenstoffabscheidung sowie -speicherung ausbauen.“ Die Stromausfälle und -engpässe zu Beginn dieses Jahres hätten deutlich gemacht, wie abhängig China noch von der Kohle sei und dass es den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft mit dem Fortkommen der zweitgrößten Volkswirtschaft in Einklang bringen müsse, so die Nachhaltigkeits-Chefin. 

Was hat China zuletzt im Kampf gegen den Klimawandel unternommen?

Um den Anteil der Kohle am Energieverbrauch von derzeit etwa 60 auf 50 Prozent im Jahr 2025 zu senken, müssen die erneuerbaren Energien zunehmen. China hat in diesem Jahr die Installation von Solar- und Windenergieanlagen vorangetrieben. Das Ziel der Regierung für Solar- und Windenergie liegt bei 1.200 Gigawatt (GW) installierter Kapazität bis 2030. „Batterien, Ultrahochspannungstechnologie und Übertragungsleitungen sowie intelligente Stromnetze sind die Schlüssel“, erklärt Collins. Chinas neue Politik sehe vor, dass mehr als die Hälfte des über neu gebaute Leitungen übertragenen Stroms aus erneuerbaren Energien stammen muss.

Schon heute ist China der größte und am schnellsten wachsenden Markt für Elektroautos weltweit. Bis 2030 sollen 40 Prozent aller verkauften Neuwagen in China mit neuen Energiequellen und bis 2025 bereits 20 Prozent elektrisch betrieben werden. Und Anfang des Jahres wurde die Ausgabe des Katalogs für grüne Anleihen veröffentlicht. Dieser bietet nicht nur eine einheitliche Regulierung für China, sondern auch eine internationale Harmonisierung der Standards.

„Wenn China sich Ziele setzt, gelingt es ihm in der Regel, diese zu erreichen. Ich denke, dass dies auch für Klimaschutzmaßnahmen wie die Verringerung der Emissionen gelten wird“, ist Collins zuversichtlich. Sie stellt abschließend einen Vergleich an: „In den vergangenen zehn Jahren hat China doppelt so viel für Klimaschutzmaßnahmen ausgegeben wie die Vereinigten Staaten und hat diese bei der installierten Kapazität an erneuerbaren Energien weit hinter sich gelassen. Der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft ist ein wichtiger Bereich, in dem zwei der größten Kohlenstoffemittenten zusammenarbeiten können.“

Matthews Asia: Was „China Plus One“ für die Erholung des indischen Aktienmarktes bedeutet

Fondsmanager Peeyush Mittal, Matthews Asia

Die indischen Aktienmärkte haben sich – trotz der zweiten Covid-Welle von Ende März bis Juni, hoher Aktienbewertungen und einer überdurchschnittlich hohen Inflation als recht widerstandsfähig erwiesen. Darauf weist Peeyush Mittal vom Asien-Experten Matthews Asia in seinem jüngsten Marktkommentar („Matthews Asia Insights: What’s on the horizon for India’s markets?”) hin und erklärt, welche drei Gründe er maßgeblich für die Aktienerholung auf dem Subkontinent verantwortlich macht.

So sei die Erholung zum Teil darauf zurückzuführen, dass viele Inder ihre Ersparnisse von niedrig verzinsten Festgeldern in die Aktienmärkte umleiteten. Infolgedessen habe sich die Zahl der privaten Aktienhandelskonten in den vergangenen zwölf Monaten verdoppelt. Zum anderen sei die Erholung auf das günstige geldpolitische Umfeld zurückzuführen, das in den vergangenen 18 Monaten in Indien geherrscht habe. „Die Zentralbank hat sich in ihrer Geldpolitik weiterhin zurückhaltend gezeigt, und deshalb sind die Kapitalkosten im Lande derzeit so niedrig wie seit zehn bis zwölf Jahren nicht mehr“, sagt Mittal, der auch leitender Portfoliomanager des Matthews India Fund ist. „Das hat sich eindeutig günstig auf die Bewertungen von Vermögenswerten, einschließlich der Aktienmärkte, ausgewirkt.“ Und schließlich habe auch ein, von der indischen Zentralregierung vorgelegter wachstumsfördernder Haushalt, der in den kommenden Jahren höhere Infrastrukturausgaben vorsieht, zur Stärkung des Verbrauchervertrauens beigetragen.

Der konjunkturelle Umschwung wird zudem durch „China Plus One“ unterstützt. Dabei handelt es sich um eine Unternehmensstrategie, mit der globale Geschäftstätigkeiten diversifiziert werden sollen, indem ein weiterer Fertigungsstandort außerhalb Chinas hinzugefügt wird. „Eine Vielzahl von Produktionsaktivitäten verlagert sich gerade nach Indien“, so Mittal. Das habe mit Chemikalien begonnen und weite sich auf einen Teil der pharmazeutischen Lieferkette aus, insbesondere auf die Ausgangsstoffe. Einige indische Unternehmen – vor allem multinationale Konzerne – fingen an, Indien als eine größere Exportdrehscheibe zu betrachten, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

„Trotz der kurzfristigen Herausforderungen durch Covid sind wir weiterhin optimistisch, was die konjunkturelle Erholung Indiens angeht“, schließt Mittal seine Analyse ab. Diese werde durch höhere Infrastruktur- und eine Belebung der Investitionsausgaben des Privatsektors unterstützt. „Ich denke, dass sich das auch auf weitere Sektoren ausweiten wird.“ Und das stimme den Fondsmanager insgesamt zuversichtlicher, dass Indien, sobald Covid nachlässt, beim Wachstum des Bruttoinlandsproduktes weiterhin (20,1 Prozent auf Jahresbasis in Q2-2021) positiv überraschen werde.

Matthews Asia: Evergrandes Zahlungsschwierigkeiten sind ein spezifisches, kein systemisches Risiko von Chinas Anleihemarkt

Teresa Kong, Matthews Asia

Die Misere des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande, der offensichtlich Schwierigkeiten bei der Bedienung von Zinszahlungen an zwei Gläubigerbanken hat, hat nicht nur zu Turbulenzen an den Anleihemärkten geführt. „Die Notlage von Evergrande wirft kritische Fragen zu Investitionen in allen Schwellenländern auf, nicht nur in China“, sagt Teresa Kong, verantwortlich für alle festverzinslichen Strategien beim Asien-Spezialisten Matthews Asia. Der Fall Evergrande unterstreiche daher, wie wichtig es sei, bei Anleiheinvestitionen eine gründliche Due-Diligence in Bezug auf drei Aspekte guter Unternehmensführung durchzuführen, nämlich die Rechnungslegung, die rechtlichen und die regulatorischen Vorschriften, erklärt die Expertin in ihrem jüngsten Kommentar.

Matthews Asia: „Chinas Regulierung tut das, was der Rest der Welt zwar denkt – aber noch nicht umgesetzt hat“

Andy Rothman, Matthews Asia

Die Eingriffe der chinesischen Regierung auf den Markt privater Bildungsanbieter sowie ihre Intervention bei den geplanten Notierungen des Fahrdienst-Riesen Didi und der Ant Group an US-Börsen haben Investoren weltweit beunruhigt. Viele fürchten nun weitere Regulierungen, die sich negativ auf Notierungen chinesischer Unternehmen auswirken könnten. Andy Rothman (im Bild), Investmentstratege beim Asien-Spezialisten Matthews Asia, und sein Kollege und Chief Investment Officer Robert Horrocks halten diese Sorgen nur für teilweise begründet, wie sie im folgenden Interview erklären.

Was sind die Gründe für die jüngsten Änderungen von Chinas Aufsicht privater Unternehmen?

Rothman: Chinas Regierung hat ähnliche Bedenken in Bezug auf Wettbewerb, Verbraucherrechte, den Schutz kleiner Unternehmen, Datenschutz sowie Chancenungleichheit wie die Regierungen vieler anderer Länder auch. Sie wird von den gleichen Debatten und Diskussionen angetrieben, die in Washington, London, Brüssel und anderen Hauptstädten auf der ganzen Welt stattfinden. Aber einer der großen Unterschiede Chinas ist, dass es von einem Ein-Parteien-Regime regiert wird und daher in der Lage ist, schneller zu handeln. Und während die USA und Europa seit mehr als einem Jahrzehnt darüber debattieren, wie man beispielsweise mit seinen Online-Plattformen umgeht (ohne viel zu tun), hat China schnell gehandelt. Dieses schnelle Handeln hat viele Anleger überrascht, was zu Marktvolatilität geführt hat.

Gilt das für die regulatorischen Ankündigen im Bildungsbereich auch?

Rothman: Im Bildungsbereich stehen die Dinge etwas anders. In China gibt es eine echte Sorge über die Auswirkungen, die eine gewinnorientierte Bildung auf Familienbudgets und die Ungleichheit beim Zugang zu Bildungsangeboten hat. Und hier liegt der Fokus – die Sorge um Ungleichheit. Es geht um den ungleichen Zugang zu Nachhilfe und damit wiederum zu den, auch in China begrenzten, Universitätsplätzen sowie um die sozialen und wirtschaftlichen Fragen, die sich daraus ergeben.

Hat die jüngste Flut von Gesetzesänderungen die langfristigen Investitionsmöglichkeiten in China beeinträchtigt?

Horrocks: Nein. Meine Meinung für Investments in China hat sie auf jeden Fall nicht verändert. Es ist offensichtlich, dass sich China seit vielen Jahren auf das Wohlergehen von Verbrauchern und Arbeitnehmern konzentriert. Ich denke, es war eine Reaktion auf ein weltweites Phänomen, wonach Arbeiter gegenüber dem Kapital auf der ganzen Welt verloren haben. Das aktuelle Mantra von Chinas Regierung ist nicht „Stabilität“, sondern „Qualität“. Das ist der Fokus, weil die Regierung bestrebt ist, den Lebensstandard der Menschen weiter zu steigern, so dass sie mit dem, was ihnen die Kommunistische Partei Chinas bietet, zufrieden sind.

Sind als nächstes börsennotierte Unternehmen im lokalen „A-share“-Markt Chinas auf dem Radar der Regulierung?

Rothman: Aus makroökonomischer Sicht sehe ich nicht, dass sich die angekündigten regulatorischen Richtlinien an Unternehmen auf Grundlage ihrer Börsennotierung richten. Ich halte es für Zufall, dass viele der Firmen, die von den Änderungen erfasst wurden, im Ausland notiert sind. Denn bis vor kurzem waren sie noch Start-Ups und haben die, viel strengeren, Listing-Anforderungen auf dem chinesischen Festland und in Hongkong nicht erfüllt. So sind sie in New York an die Börse gegangen – und das war dann zufällig der Ort, wo der Druck eben spürbar wurde.

Welche Sektoren könnte die Regulierung – nach Technologie und Bildung – in China als nächstes treffen?

Horrocks: Ein weiterer Bereich, auf den sich die Chinesen konzentrieren, sind reale Vermögenswerte. Immobilien stellen einen großen Teil der chinesischen Wirtschaft dar. Aber worum sich die chinesische Aufsicht in diesem Bereich wirklich sorgt, ist, dass sich keine Situation entwickelt, in der reale Vermögenswerte für spekulative Zwecke verwendet werden. Spekulative Aktivitäten rund um Immobilien sind ein Bereich, der untersucht wird. Es ist kein großer Teil des Marktes, aber einer, auf den man achten sollte.

Wann wird der Druck durch die Regulierung nachlassen?

Rothman: Chinas Wirtschaft entwickelt sich immer weiter und in einem wirklich schnellen Tempo. Die Regulierungsbehörden kämpfen ständig darum, damit Schritt zu halten. Wir sollten auch verstehen, dass Chinas Verständnis von Regulierung anders ist als etwa in den USA. In China neigen sie dazu, die Regulierungen nicht ganz am Anfang zu schaffen, wie wir es gerne tun, weil wir stärker rechtlich orientiert sind. Stattdessen sagt die Regierung in China zu Unternehmern: „Geht hinaus, gründet Firmen – und dann werden wir dort eingreifen, wo wir es für notwendig halten.“

Was bedeutet das für einen aktiven Investor?

Horrocks: Viele asiatische und insbesondere chinesische Unternehmen werden – aufgrund dieser Bedenken der Anleger und angesichts der Ankündigung von Regulierungsmaßnahmen – mit einem erheblichen Abschlag gehandelt. Bei einigen der bekannten chinesischen Aktien gibt es mittlerweile Abschläge von 20 bis 30 Prozent auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis gegenüber ihren globalen Wettbewerbern. In punkto Marktkapitalisierung liegen diese asiatischen Unternehmen nur zwischen einem Zehntel und einem Drittel der Größe dieser Wettbewerber.

Wie kann aktives Management einige der regulatorischen Risiken mildern?

Rothman: Aus Sicht eines Anlegers sollte sich meiner Meinung nach der Schwerpunkt nicht darauf konzentrieren, welcher Sektor als nächstes einer regulatorischen Prüfung unterzogen wird. Das wird bei den meisten Sektoren der Fall sein. Ich denke, dass der Fokus auf das Unternehmen gerichtet sein sollte: Welche Geschäftsmodelle von Unternehmen werden in Zukunft wahrscheinlich von Vorschriften betroffen sein, die darauf ausgelegt sind, den Wettbewerb zu fördern, die Privatsphäre zu schützen und die Chancenungleichheit zu verringern?

Horrocks: Ich glaube nicht, dass wir damit rechnen sollten, dass die regulatorischen Fortschritte einfach gestoppt werden – die Chinesen waren sehr aktiv und werden weiterhin an der regulatorischen Front aktiv sein. Worüber sich die chinesische Regierung (und auch andere asiatische Regierungen) im Vergleich zu ihren westlichen Pendants viel mehr bewusst war, sind die Auswirkungen auf den Verbraucher, auf die Arbeit und den Anteil der Arbeitskräfte an der Wirtschaft. Vieles von dem, was China tat, ist also genau das, was der Rest der Welt zwar denkt – aber einfach noch nicht umgesetzt hat. Ich denke, Sie werden die chinesische Regierung weiterhin als Verfechter für Verbraucher und Unterstützer privater Unternehmen erleben. Und das ist der beste Wachstumsmotor, den China hat.

Sie finden die vollständigen Kommentare von Andy Rothman hier und von Robert Horrocks hier.

„GFC (not the ‚Global Financial Crisis‘) Podcast“ Episode 1 jetzt live

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Einer der wenigen positiven Effekte der Coronavirus-Krise und des „Lockdowns“ für mich in den vergangenen Monaten war, dass ich mehr Zeit hatte, mich mit neuen Dingen zu beschäftigen. Etwa damit, einen redaktionellen Podcast zu erstellen (und man soll ja nicht glauben, wieviel Arbeit in so einem Projekt steckt – selbst wenn man, wie ich, vor Urzeiten mal beim Radio gearbeitet hat)! Mein Podcast, der einmal pro Monat erscheinen soll, dreht sich um die Erfolge und die Anstrengungen speziell von ausländischen Finanzdienstleistern auf dem deutschen Markt. Die erste Episode von „GFC (not the ‚Global Financial Crisis‘) Podcast“ ist nun fertig und kann auf Deezer und Spotify sowie auf dieser Website gehört werden.

In der ersten Folge geht’s um das Coronavirus und die Folgen für die Finanzbranche – zuerst in einem Interview mit Andy Rothman von Matthews Asia über China, das aus dem Lockdown herauskommt, und danach in einem Gespräch mit Norman Wirth, Vorstand des Bundesverbandes Finanzdienstleistung AfW, über die Auswirkungen von COVID-19 für Finanzmakler und ihre Kunden (Original-Interview mit Norman Wirth als PDF).