Matthews Asia: „Chinas Regulierung tut das, was der Rest der Welt zwar denkt – aber noch nicht umgesetzt hat“

Andy Rothman, Matthews Asia

Die Eingriffe der chinesischen Regierung auf den Markt privater Bildungsanbieter sowie ihre Intervention bei den geplanten Notierungen des Fahrdienst-Riesen Didi und der Ant Group an US-Börsen haben Investoren weltweit beunruhigt. Viele fürchten nun weitere Regulierungen, die sich negativ auf Notierungen chinesischer Unternehmen auswirken könnten. Andy Rothman (im Bild), Investmentstratege beim Asien-Spezialisten Matthews Asia, und sein Kollege und Chief Investment Officer Robert Horrocks halten diese Sorgen nur für teilweise begründet, wie sie im folgenden Interview erklären.

Was sind die Gründe für die jüngsten Änderungen von Chinas Aufsicht privater Unternehmen?

Rothman: Chinas Regierung hat ähnliche Bedenken in Bezug auf Wettbewerb, Verbraucherrechte, den Schutz kleiner Unternehmen, Datenschutz sowie Chancenungleichheit wie die Regierungen vieler anderer Länder auch. Sie wird von den gleichen Debatten und Diskussionen angetrieben, die in Washington, London, Brüssel und anderen Hauptstädten auf der ganzen Welt stattfinden. Aber einer der großen Unterschiede Chinas ist, dass es von einem Ein-Parteien-Regime regiert wird und daher in der Lage ist, schneller zu handeln. Und während die USA und Europa seit mehr als einem Jahrzehnt darüber debattieren, wie man beispielsweise mit seinen Online-Plattformen umgeht (ohne viel zu tun), hat China schnell gehandelt. Dieses schnelle Handeln hat viele Anleger überrascht, was zu Marktvolatilität geführt hat.

Gilt das für die regulatorischen Ankündigen im Bildungsbereich auch?

Rothman: Im Bildungsbereich stehen die Dinge etwas anders. In China gibt es eine echte Sorge über die Auswirkungen, die eine gewinnorientierte Bildung auf Familienbudgets und die Ungleichheit beim Zugang zu Bildungsangeboten hat. Und hier liegt der Fokus – die Sorge um Ungleichheit. Es geht um den ungleichen Zugang zu Nachhilfe und damit wiederum zu den, auch in China begrenzten, Universitätsplätzen sowie um die sozialen und wirtschaftlichen Fragen, die sich daraus ergeben.

Hat die jüngste Flut von Gesetzesänderungen die langfristigen Investitionsmöglichkeiten in China beeinträchtigt?

Horrocks: Nein. Meine Meinung für Investments in China hat sie auf jeden Fall nicht verändert. Es ist offensichtlich, dass sich China seit vielen Jahren auf das Wohlergehen von Verbrauchern und Arbeitnehmern konzentriert. Ich denke, es war eine Reaktion auf ein weltweites Phänomen, wonach Arbeiter gegenüber dem Kapital auf der ganzen Welt verloren haben. Das aktuelle Mantra von Chinas Regierung ist nicht „Stabilität“, sondern „Qualität“. Das ist der Fokus, weil die Regierung bestrebt ist, den Lebensstandard der Menschen weiter zu steigern, so dass sie mit dem, was ihnen die Kommunistische Partei Chinas bietet, zufrieden sind.

Sind als nächstes börsennotierte Unternehmen im lokalen „A-share“-Markt Chinas auf dem Radar der Regulierung?

Rothman: Aus makroökonomischer Sicht sehe ich nicht, dass sich die angekündigten regulatorischen Richtlinien an Unternehmen auf Grundlage ihrer Börsennotierung richten. Ich halte es für Zufall, dass viele der Firmen, die von den Änderungen erfasst wurden, im Ausland notiert sind. Denn bis vor kurzem waren sie noch Start-Ups und haben die, viel strengeren, Listing-Anforderungen auf dem chinesischen Festland und in Hongkong nicht erfüllt. So sind sie in New York an die Börse gegangen – und das war dann zufällig der Ort, wo der Druck eben spürbar wurde.

Welche Sektoren könnte die Regulierung – nach Technologie und Bildung – in China als nächstes treffen?

Horrocks: Ein weiterer Bereich, auf den sich die Chinesen konzentrieren, sind reale Vermögenswerte. Immobilien stellen einen großen Teil der chinesischen Wirtschaft dar. Aber worum sich die chinesische Aufsicht in diesem Bereich wirklich sorgt, ist, dass sich keine Situation entwickelt, in der reale Vermögenswerte für spekulative Zwecke verwendet werden. Spekulative Aktivitäten rund um Immobilien sind ein Bereich, der untersucht wird. Es ist kein großer Teil des Marktes, aber einer, auf den man achten sollte.

Wann wird der Druck durch die Regulierung nachlassen?

Rothman: Chinas Wirtschaft entwickelt sich immer weiter und in einem wirklich schnellen Tempo. Die Regulierungsbehörden kämpfen ständig darum, damit Schritt zu halten. Wir sollten auch verstehen, dass Chinas Verständnis von Regulierung anders ist als etwa in den USA. In China neigen sie dazu, die Regulierungen nicht ganz am Anfang zu schaffen, wie wir es gerne tun, weil wir stärker rechtlich orientiert sind. Stattdessen sagt die Regierung in China zu Unternehmern: „Geht hinaus, gründet Firmen – und dann werden wir dort eingreifen, wo wir es für notwendig halten.“

Was bedeutet das für einen aktiven Investor?

Horrocks: Viele asiatische und insbesondere chinesische Unternehmen werden – aufgrund dieser Bedenken der Anleger und angesichts der Ankündigung von Regulierungsmaßnahmen – mit einem erheblichen Abschlag gehandelt. Bei einigen der bekannten chinesischen Aktien gibt es mittlerweile Abschläge von 20 bis 30 Prozent auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis gegenüber ihren globalen Wettbewerbern. In punkto Marktkapitalisierung liegen diese asiatischen Unternehmen nur zwischen einem Zehntel und einem Drittel der Größe dieser Wettbewerber.

Wie kann aktives Management einige der regulatorischen Risiken mildern?

Rothman: Aus Sicht eines Anlegers sollte sich meiner Meinung nach der Schwerpunkt nicht darauf konzentrieren, welcher Sektor als nächstes einer regulatorischen Prüfung unterzogen wird. Das wird bei den meisten Sektoren der Fall sein. Ich denke, dass der Fokus auf das Unternehmen gerichtet sein sollte: Welche Geschäftsmodelle von Unternehmen werden in Zukunft wahrscheinlich von Vorschriften betroffen sein, die darauf ausgelegt sind, den Wettbewerb zu fördern, die Privatsphäre zu schützen und die Chancenungleichheit zu verringern?

Horrocks: Ich glaube nicht, dass wir damit rechnen sollten, dass die regulatorischen Fortschritte einfach gestoppt werden – die Chinesen waren sehr aktiv und werden weiterhin an der regulatorischen Front aktiv sein. Worüber sich die chinesische Regierung (und auch andere asiatische Regierungen) im Vergleich zu ihren westlichen Pendants viel mehr bewusst war, sind die Auswirkungen auf den Verbraucher, auf die Arbeit und den Anteil der Arbeitskräfte an der Wirtschaft. Vieles von dem, was China tat, ist also genau das, was der Rest der Welt zwar denkt – aber einfach noch nicht umgesetzt hat. Ich denke, Sie werden die chinesische Regierung weiterhin als Verfechter für Verbraucher und Unterstützer privater Unternehmen erleben. Und das ist der beste Wachstumsmotor, den China hat.

Sie finden die vollständigen Kommentare von Andy Rothman hier und von Robert Horrocks hier.